Montag, 16. Februar 2009

Tag 65 bis 71, Woche 8

Es ging Monsieur L nicht besser, als ich am Montag morgen in den Alzheimer-Teil kam. War er vor wenigen Tagen noch alleine durch die Gänge des Batiment Sud gelaufen, fehlte ihm jetzt jede Kraft, selber aufzustehen. Er sah schlecht aus... Er war ja geistig noch nie der Fitteste gewesen, aber jetzt schien er überhaupt nicht mehr wahrzunehmen, was um ihn herum geschah. Schaute man ihm in diesen Tagen in die Augen, hatte man das Gefühl, sie wären aus Glas. Er schaute einfach durch einen hindurch, als wäre man gar nicht da. Ich fragte mich, wie man einem Menschen helfen könnte, wenn dieser durch seine Krankheit längst nicht mehr in der Lage war, seinen eigenen Namen zu nennen, geschweige denn seine Beschwerden oder Schmerzen. Und irgendwie hatte ich das Gefühl, als könnte man in solchen Situationen gar nicht helfen. Der Mensch ist inzwischen im Stande, Herzen zu transplantieren, Blinde wieder sehen zu lassen und einem Pianisten eine amputierte Hand wieder anzunähen, sodass dieser danach Mozarts kleine Nachtmusik spielen kann, wie er es vorher getan hatte. Aber diesem alten Monsieur L sollte keiner helfen können? Das schien mir unmöglich nachzuvollziehen.

Die Stimmung im Alzheimer-Teil war ziemlich getrübt. Ich glaube, man kann 10 Jahre in einem Altersheim arbeiten. An das Gefühl, Seite an Seite mit dem Tod zu arbeiten gewöhnt man sich aber nie. Man akzeptiert es. Aber man gewöhnt sich nicht daran. Alles, was man tun kann, ist sich in den besonders harten Momenten, wie es dieser offensichtlich war, mit irgendetwas abzulenken. Daher konnte ich mal wieder froh sein, dass da eine Cathy war, die mir half, während der Mittagspause auf andere Gedanken zu kommen. Wir waren inzwischen ganz gut darin, uns gegenseitig, zumindest für diese gemeinsame halbe Stunde, so abzulenken, dass der Typ mit der Sense weit weg war. Man redet einfach über allen möglichen Mist. Und so fanden wir auch gleichzeitig einiges über den jeweils anderen raus. Cathy hat mich zum Beispiel ziemlich überrascht, als raus kam, was für Tiere sie zu Hause ihr eigen nennt. Überraschend deswegen, weil sie als hübsche und junge Frau nicht in das Schema (oder vielleicht auch Klischee) passt, absolut verrückt nach Ratten zu sein.

Ja, als Haustiere hält sie sich zwei Ratten. Eine erwachsene und eine Baby-Ratte. Und ihre Augen wurden ganz glänzend, als sie erzählte, dass ihr die kleine Ratten letztens zum ersten Mal aus der Hand gefressen hatte. Die Große habe ja schon lange keine Angst mehr und sei zahm, aber die Kleine wär immer zu ängstlich gewesen. Wie Menschen doch so unterschiedlich sein können. Die einen hassen Ratten und die anderen erfreuen sich an ihnen, als gäbe es nichts Schöneres. Ich mag Ratten wie die meisten Menschen nicht besonders. Sie sind hässlich und haben ein schlechtes Image. Aber seit Cathy mir ab und zu von ihren kleinen Haustieren erzählt, habe ich angefangen, etwas differenzierter darüber zu denken und letztendlich sind das genau die Geschichten, die man zwischen Tod und Alzheimer braucht, um mal den Kopf frei zu bekommen.

Aber auch abgesehen von Ratten gab es am Anfang dieser Woche genügend Gesprächsstoff. Ich sage nur “Yes we can!” Dienstag würden die Vereinigten Staaten einen neuen Präsidenten wählen und wie in Deutschland halten die Franzosen nicht sonderlich viel von Bush, McKain und den anderen Republikanern. Aber nicht nur deswegen ist Barak Obama uneingeschränkter Sympathieträger. In Europa setzt man sehr viel Hoffnung in diese junge und dynamische Person. Ich auch, wobei ich mir keine Illusionen mache, dass ein einziger Mann in einem System wie der amerikanischen Politik viel ändern wird. Aber alleine durch seine Hautfarbe könnte er in vielen Köpfen einiges bewegen. Da ist es auch interessant zu wissen, dass die Franzosen die Amis für ziemliche Rassisten halten. Und so sehr man sich einen Sieg von Obama wünscht, so wirklich trauen tut den Amis hier keiner. Bush haben sie wiedergewählt, und trotz des angeblichen Verdrusses nach 8 Jahren Republikanern an der Macht, muss dieses Land erst einmal beweisen, dass es auch nur die Hälfte von europäischem Politikbewußtsein besitzt. In einem Land von „Niggern“ und dem KKK würde ein schwarzer Präsident daher vielleicht für einen Hallo-Wach-Effekt sorgen. Ach ja, fast alle Putzfrauen bei uns sind schwarz, daher war klar, dass auch die Colline fest in Obama-Hand war.

Als Obama im August seine einzige öffentliche Rede in Europa vor der Siegessäule im Herzen Berlins hielt, entschieden sich Melly und ich, auch hinzugehen. Sind ja eh nur 1.000 Meter von mir bis zum Großen Stern, auf dem die Siegessäule steht. Und es waren tatsächlich 200.000 Menschen, die in den Tiergarten strömten, um zu sehen, wie weit dieser Mann sein offensichtliches Ziel erreichen würde, hier in die Fußstapfen von John F. Kennedy zu treten. Das ist allerdings unmöglich. Kennedy hat sich mit nur drei Worten in Berlin unsterblich gemacht, und manche böse Zungen in den USA warfen Obama ein unerhört arrogantes Verhalten vor, als Präsidentschaftskandidat sich bereits als sicherer Sieger feiern zu lassen. Diese Reaktionen waren meiner Meinung nach aber nicht groß verwunderlich, denn eines musste man Obama und seinen Planern lassen. Die einzige Rede in Europa gerade in Berlin zu halten, war ein verdammt geschickter Schachzug. Berlin spielte schon immer eine besondere Rolle für die USA. London und Paris sind nur zwei wichtige Hauptstädte, aber im geteilten Berlin spielte sich der Kalte Krieg gegen die Sowjetunion ab. Und nach dem Fall der Mauer gilt Berlin in vielen Staaten als Stadt der Freiheit und des Wandels. Kann ich als Berliner nur unterschreiben.

Seit dem Fall der Mauer hat sich Berlin gewandelt, wie keine andere Stadt zuvor. Und sie hat sich still und heimlich aufgemacht, den einst unbestrittenen Weltstädten Paris und London in Europa den Rang abzulaufen. Würde man Berlin personifizieren, wäre es vielleicht eher eine wunderschöne, stolze aber schüchterne Dame, die es den anderen nicht so gerne auf die Nase bindet, dass sie den Vergleich mit anderen Weltstädten nicht mehr zu scheuen braucht. Eine stille Genießerin trifft es vielleicht ganz gut. Für amerikanische Präsidenten gilt Berlin zudem als Stimmungsbarometer. Ich erinnere mich noch, als Bush zum Antrittsbesuch herkam. Die ganze Innenstadt wurde abgeriegelt. Und das nicht, weil die Berliner es nicht hätten erwarten konnten, den neuen Präsidenten in Empfang zu nehmen und ihm alles Gute für seine Amtszeit zu wünschen. Ich weiß nicht, wann es in Deutschland zuletzt brennende US-Flaggen gab, aber Bush hat sicher bemerkt, dass er zwar in seinem eigenen Volk viele Anhänger hatte, in Berlin aber nicht willkommen war. Und jetzt kam Obama nach Berlin, ohne überhaupt Präsident zu sein. Ich glaube nicht, dass seit Kennedy ein amerikanischer Politiker so viele Sympathien erhalten hat. Diesbezüglich hat er sein Ziel auf jeden Fall erreicht. Fast jeder Berliner ist sich sicher, dass Obama die Wahl gewinnen wird und das damit das deutsch-amerikanische Verhältnis wieder etwas gerade gerückt werden kann, nachdem 8 Jahre Bush so ihre Spuren hinterlassen haben. Und wieder einmal wird es Berlin gewesen sein, das indirekt einen Wandel eingeleitet hat.

Das Wetter an diesem August Tag war perfekt für eine Rede gewesen. Die war aber nicht besonders weltbewegend. Rhetorisch nahezu perfekt, war der Inhalt dagegen wenig überraschend gewesen. Er beschwor das deutsch-amerikanische Verhältnis und die Bedeutung Berlins für die Amerikaner. Er sei stolz, hier seine einzige Rede in Europa halten zu können, auch wenn der Berliner Senat ihm den Marsch durchs Brandenburger Tor verwehrt hatte. Das ist dann wohl doch nur ein Privileg bereits gewählter Präsidenten, aber Wowereit hat ja bereits angekündigt, dass er das bei seinem nächsten Besuch in Berlin gerne nachholen könne. Auch hier gibt es wohl wenig Zweifel, dass Obama die Wahl nicht gewinnen würde. Alles in Allem wurde Obama von den 200.000 Menschen auf der Strasse des 17. Juni frenetisch gefeiert. Und eines ist sicher. Vergessen wird man diesen Auftritt, wie den von Kennedy, so schnell nicht.

Aber kehren wir wieder nach Nizza im November zurück. Als ich Mittwoch früh in die Colline kam, lag eine komisch fröhliche Stimmung in der Luft. Müde, wie ich war, dauerte es einige Minuten, bis ich begriff, dass wohl gerade die Wahlergebnisse aus Washington über den großen Teich geschwappt waren. Und der neue Präsident der Vereinigten Staaten war natürlich und zum Glück Barak Obama. Ich hatte zwar eigentlich die Daten zu wechseln, aber ich setzte mich kurz in den salle d’animation, in dem der Fernseher lief und verfolgte einige Minuten CNN. Bin hier eh irgendwie der einzige, der Englisch versteht. In dem Fall war das aber egal, das wichtigste versteht man auch so. Hinter mir standen zwei schwarze Putzfrauen und bei den Bildern der jubelnden Menschen irgendwo in Afrika brauchten sie die Worte der Kommentatorin gar nicht zu verstehen, um überglücklich zu sein. Sie sagten nichts, aber irgendwie merkte man ihnen an, wie stolz sie waren, die gleiche Hautfarbe des neuen amerikanischen Präsidenten zu haben. Für mich waren diese zwei Putzfrauen das Paradebeispiel dafür, dass die Welt schon Minuten nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses mehr gewonnen hatte, als in 8 Jahren Bush.

Am Samstag war das Wetter wieder einmal sehr warm und sonnig. Also zu schön, um den ganzen Tag in der Bude hocken zu bleiben. Ich ging für meine Verhältnisse relativ früh aus dem Haus. Mit meinem kleinen Foto bewaffnet, fuhr ich zum Place Masséna, um wieder einige Bilder zu machen. Ich glaube, das Fotografen-Gen hat man dann, wenn einem das Gefühl beschleicht, ohne Fotoaparat etwas zu verpassen. Hat man den nicht dabei, vermisst man etwas und fühlt sich irgendwie unterbeschäftigt, wenn man bei strahlender Sonne mit leeren Händen auf einem der schönsten Plätze Europas steht.

Solche Teile wurden gebaut, um fotografiert zu werden. Gut, das war den Erbauern damals sicher nicht bewusst. Aber ich denke, heute sind solche Orte dafür da, zum Beispiel meinen Blog zu schmücken. Ich liebe den Place Masséna. Die Synthese des Brunnens mit dem blauen Himmel und den rötlichen Gebäuden aus der belle époque ist einfach wunderschön. (Seit mal ehrlich, der Satz hat was, oder?) Aber erst die Menschen machen die Szene komplett. Ohne sie wäre es leblos. Aber Menschen muss man hier zum Glück nie suchen. Sind immer welche da, auch jetzt, wo die Nebensaison bereits begonnen hat und es etwas ruhiger im Vergleich zum September geworden ist.

Die kleine Parkanlage neben dem Place Masséna ist Treffpunkt der Jugendlichen Nizzas. Mir fällt grad kein besserer Vergleich ein, aber die Popularität dieses Ortes für die Jungen dürfte in etwa so, wie die der roten Telefonzelle vor dem Rathaus Spandau, sein. Der ehemaligen Telefonzelle muss man leider sagen. Irgendwelche Idioten haben an ihr immer wieder ihre Aggressionsstaus oder Pubertätsschübe ausgelassen, bis sie letztendlich abtransportiert wurde. Sie war Kult und ist es immer noch. Denn irgendwie sagen immer noch alle, dass sie sich vor der roten Telefonzelle treffen. Der Ort ist durch sie zu ner Art Pilgerstätte für Jugendliche geworden. Es gibt sogar Gruppen im schueler- und studiVZ, die sich um sie drehen. Auf jeden Fall erinnerte mich dieser Ort in Nizza an den Ort der roten Telefonzelle Spandaus. Hier ist es aber definitiv schöner und ruhiger. Nicht so viel Verkehr wie auf dem Altstädter Ring, der großen Straße vorm Rathaus Spandau. Palmen gibt es dort auch keine. Hier säumen sie überall Wege und Parkanlagen, und vermitteln einen Hauch von Urlaub. Ich muss mich oft daran erinnern, dass ich aber gar nicht im Urlaub bin, sondern ein Jahr habe, diesen wunderschönen Ort zu genießen. Hach, bin ich ein Glückspilz.

Nachdem ich etwas durch den kleinen Park geschlendert war, hier und da ein Foto geschossen und den kleinen Springbrunnen zugesehen hatte, lief ich weiter. Ich wollte zu C&A, um mir eine neue Jeans zu kaufen. So viele hatte ich nicht hier und bevor meine Mutter Geld für Porto ausgeben würde, um mir welche zu schicken, konnte ich mir auch gleich hier eine kaufen. Geht zudem schneller. So schnell dann aber auch wieder nicht. Es war ja Samstag und dieser Tag ist erfahrungsgemäß der Tag, an dem die Leute all ihre Einkäufe erledigen.

Dementsprechend voll war die Avenue Jean Médecin und ich glaube nicht, dass es in Berlin viele Orte gibt, an denen so viele Fußgänger unterwegs sind. Dort verteilen sich die Massen nun mal auf mehrere Zentren. Nizza hat nur ein richtiges Zentrum und das ist die Avenue Jean Médecin. Ich blieb wieder alle paar Meter stehen, um Bilder von der Fußgänger-Rushhour zu machen, so dass ich irgendwann keinen Bock mehr hatte, mich ins Getümmel bei C&A zu stürzen. Kann ich genauso gut unter der Woche machen, wenn weniger los ist. So lief ich umher und lies mich von den Massen treiben. Bei so tollem Wetter im November sind alle natürlich super drauf. Muss man ja nutzen. Und so ist dieses Foto mit einer Gruppe Jugendlicher entstanden, die sich mir vor die Kamera gestellt haben. Mitten auf den Strassenbahnschienen. Die stand aber noch hinter uns an der Haltestelle. Und da die hier eh nur Schritttempo wegen der vielen Passanten fahren können, kann eh nix passieren. Ich finde das Bild cool. Es spiegelt schön die Atmosphäre wieder.

Als es langsam dunkel wurde, machte ich mich auf den Weg zu McDonalds. Ich hatte eine Mail von meinem Vater erhalten. Er hatte inzwischen die Umbuchung meines Fluges nach Paris vorgenommen. Kostete über 30 € Gebühr und war daher fast so teuer, wie der eigentliche Flug. Ich würde jetzt also den selben Flug wie vorher, nur einen Tag früher nehmen. Easyjet 4066, der um 10:20 Uhr startet und um 11:50 Uhr in Paris ankommt. Da das geschäftliche damit erledigt war, konnte ich mich bei McDonalds ganz entspannt zurücklehnen und mich MSN widmen. Oder wieder neue Dinge entdecken. Wenn man, so oft wie ich, in ein und dem selben Laden sitzt, kennt man irgendwann jeden, der wie ich auf kostenloses WLAN angewiesen ist und daher regelmäßig zu McDonalds pilgert. Aber ich erkenne auch immer öfter Leute ohne Laptop wieder, die einfach regelmäßig zum Essen her kommen. Die vielleicht markantesten Personen sind drei betagte Damen. Ich sehe sie nie essen. Nur quatschen. Deswegen markant, weil ein McDonalds nicht unbedingt der Laden ist, in dem man drei elegante, sicherlich wohlhabende Freundinnen erwartet, die scheinbar nur herkommen, um den neuesten Tratsch und Klatsch auszutauschen. Seit einigen Wochen sind sie fast immer da, wenn ich gegen 19 Uhr dort auftauche.

Sie sitzen immer auf dem selben Platz. Meinen ehemaligen Stammplatz am Fenster mit Blick aufs Meer habe ich inzwischen gegen einen anderen Platz eingetauscht. Und wisst ihr warum? Ich hab da nebenan ne Steckdose gefunden. Nach was weiß ich wie vielen Wochen, habe ich durch Zufall bemerkt, dass aus dem Laptop anderer Leute erstaunlich viele Kabel führten und als ich diese verfolgte, endeten sie in besagter Steckdose. Ich hab echt nicht schlecht gestaunt, dass mir das vorher nicht aufgefallen war. Zu Manon habe ich noch lachend gesagt, dass es bei McDonalds doch keine Steckdosen gäbe... Nächstes Mal sehe ich genauer nach, ehe ich meinen vorlauten Mund aufmache. Ich ärgerte mich nur, dass ich so viele Wochen lang immer gegangen war, wenn mein Akku leer war. Und das nur, weil ich nicht richtig geschaut hatte.

Dadurch, dass es aber nur eine Steckdose ist, habe ich keine Garantie, auch wirklich an Strom zu kommen. Je nach dem, wie viele Leute mit ihren Laptops da sind. Das nächste Problem geht von den Angestellten aus. Eines Tages, ich hing gerade am Strom, kam eine Frau zu mir und sagte, dass es verboten sei, hier Strom zu ziehen. Ich fragte nur etwas frech, wozu die Steckdose denn dann da sei. Konnte sie mir nicht beantworten. Es würde McDonalds aber viel kosten, wenn sich dauernd die Leute mit ihren Laptops dort anschließen würden. Ja nee, ist klar. Eine Firma wie McDonalds, die im Jahr unzählige Milliarden an Umsatz macht, mault rum, weil sich Leute der Steckdose bedienen. Dann müssen die pro Tag eben nen Hamburger mehr verkaufen und gut is. Absolut lächerlich. Zudem die an uns doch gut verdienen. Schließlich essen viele Leute hier, nachdem sie im Internet waren. Ich inzwischen nicht mehr. Ist nicht gesund und geht auf Dauer ziemlich aufs Geld. Daher schließe ich meinen Laptop meistens wieder an, wenn die Angestellten weg sind. Die können mich mal.

Und dann sind da noch zwei obdachlose Damen, die jeden Tag herkommen. Jetzt, wo es nachts empfindlich kalt wird, haben sie hier wenigstens bis zur Schließung einen Ort, an dem sie sich wärmen können. Sie werden toleriert und kennen einige Angestellte sogar so gut, dass sie sich ab und zu mit ihnen unterhalten. Die zwei Frauen unter sich sprechen aber nicht miteinander. Habe ich zumindest noch nicht bemerkt. Und getrennt sitzen sie. Anscheinend kennen sie sich gar nicht. Ich finde das eine schöne Geste der Angestellten, dass sie zumindest die eine Dame immer grüßen und fragen, wie es ihr geht. Ich frage mich dann immer, wie das wohl in Deutschland ablaufen würde. Aus irgendeinem Grund kann ich mir nicht vorstellen, dass man sie dort tolerieren, geschweige denn mit ihr reden würde. Ist doch unangenehm für die anderen Gäste und damit geschäftsschädigend... Vermutlich denke ich so, weil ich mein Land zu gut kenne. Spiegelt aber meine Einschätzung wieder, dass in Frankreich mehr soziale Toleranz und Zivilcourage gegenüber älteren oder sozial benachteiligten Menschen vorhanden ist. Am deutlichsten ist da der Unterschied zu Deutschland in den Bussen, wo wir mal wieder bei meinem Lieblingsthema wären. Steigen alte Leute in nicht selten überfüllte Busse, wird ihnen in 99 % der Fälle sofort ein Sitzplatz angeboten. Und zwar auch von Jugendlichen. Find ich enorm. In Berlin glotzen die Jugendlichen die alten Leute meist noch frech an oder drehen den mp3-Player lauter, um auf beschäftigt zu tun.

Mir sind da aber noch paar andere Besonderheiten aufgefallen, wenn ich mit dem Bus unterwegs bin. Ich weiß, es hängt euch mittlerweile bestimmt zum Hals raus, so viel davon zu hören, aber mein Versuch, dank meines Rades endlich nie mehr Bus fahren zu müssen, ist ja kräftig in die Hose gegangen. So stehe ich jetzt wieder jeden zweiten Abend gegen 21:30 Uhr an der Bushaltestelle und warte. Machen wir mal kurz einen Crashkurs zum Thema „Andere Länder, andere Sitten“. Um in einen Bus einzusteigen, muss man in Berlin einfach nur dastehen. Gehen wir mal davon aus, dass aus dem ankommenden Bus niemand aussteigen will. Er wird (in der Regel) anhalten und man kann einsteigen. Und egal, ob es der richtige Bus ist, stehen Leute an der Haltestelle, wird ein Berliner Bus fast immer anhalten. Gilt natürlich größtenteils nur für Stationen, an denen mehrere Linien halten. Denn der Busfahrer weiß ja nicht, wer von den wartenden Leuten in seine Linie einsteigen will.

Die gleiche Situation mit den gleichen Voraussetzungen in Nizza. Eine Station, an der 4 Linien halten. Mein 22er kommt und niemand will aussteigen. Ich stehe zwar da, aber der Bus fährt, ohne zu halten, weiter. Und wieso? Weil ich ihm kein Zeichen gegeben habe, dass ich einsteigen will. Ein kurzes Heben der Hand reicht und der Fahrer weiß Bescheid. Besonders abends, wenn wenig los ist, tut man als Auswärtiger gut daran, sich diese Geste schnell anzugewöhnen. Das habe ich und bisher ist kein Bus an mir vorbei gefahren. Liegt vielleicht auch daran, dass unter der Woche der Busfahrer fast immer der selbe ist. Der kennt mich inzwischen schon. Ist ähnlich, wie bei McDonalds. Wenn man oft genug an den selben Orten ist, oder einen Bus um immer die selbe Zeit nimmt, kennt man irgendwann jeden. Das sind die Facetten einer Stadt, in denen sie zum Dorf wird. Das aber nur, wenn man etwas genauer hinsieht. Aber darin bin ich ja ganz gut.

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